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Komponisten deuten Gedichte

Wenn man zwei Vertonungen eines Gedichts miteinander vergleicht,  kann man unschwer erkennen, dass Vertonungen – wie alle produktiven Rezeptionen – auch Deutungen sind.

Man weiß, wie genau die meisten Komponisten die Gedichte gelesen haben, die sie vertonen wollten. Hugo Wolf ging 1888 stundenlang spazieren und sprach Mörikes oder Goethes Gedichte vor sich hin, bis er ihren Rhythmus erfasst und ihre Bedeutung erspürt hatte, erst dann setzte er sich ans Klavier, folgte seinen Eingebungen und brachte das Lied zu Papier. Von Schumann, Brahms oder Schoeck wird ähnliches berichtet.

Wir Musikliebhaber dagegen hören meistens ein Lied, ohne vorher das Gedicht für sich intensiv wahrgenommen zu haben, wir hören es gleich als Einheit von Wort und Musik. Deshalb können wir, auch wenn wir den Text aus dem Mund eines Fischer – Dieskau oder Prégardien beim ersten Hören  gut verstehen sollten, die  Besonderheit  der Vertonung nicht mehr aufspüren: das Gedicht erscheint uns gleich in der musikalischen Fassung, als gäbe es nur diese eine musikalische Struktur.

Wir stellen uns selten die Frage:  Was ist das überhaupt für ein Gedicht? Und was hat der Komponist daraus gemacht?

Aber erst wenn man sich diese Frage gestellt hat, kann man den Prozess des Vertonens verstehen, kann man hören, wie der Komponist das Gedicht gesprochen und betont hat, welche Bilder ihn zu einer Begleitfigur inspiriert haben, wie er die Gliederung des ganzen Gedichts gesehen  und wie er  das lyrische Ich, seine seelische Befindlichkeit, seine Botschaft  verstanden und musikalisch gedeutet hat.

Genau diese Fragerichtung verfolgen die vorliegenden Versuche. Sie halten dazu an, zunächst die Gedichte genau wahrzunehmen und dann die Lieder aktiv zu hören, d.h. mit doppelter Aufmerksamkeit auf Text und Musik, um zuletzt z.B. die Frage beantworten zu können, was hat denn  Mozart   und was hat Clara Schumann aus Goethes „Das Veilchen“ herausgehört, wie haben sie es verstanden und – mehr oder weniger bewusst – gedeutet?

 

Da die Leser in der Regel keine Noten vor Augen haben, wird in den Musikanalysen nicht die Taktzahl einer besprochenen Stelle genannt, sondern  wie in den Gedichtanalysen Strophe und Vers.  Dabei stehen römische  Zahlen  für die Strophen (Str.) und arabische  Zahlen für die Verse (V).

II,1 bedeutet also die Musikstelle zum ersten Vers der zweiten Strophe.

 

Noten kann man im Netz einsehen und drucken unter

http://imslp.org/wiki/Hauptseite