Schäfers Klagelied

(3 Zelter 1802,  4 Reichardt 1805/06, 5 Schubert D 121b)

Da droben auf jenem Berge,
Da steh ich tausendmal,
An meinem Stabe gebogen,
Und schaue hinab in das Tal.

Dann folg ich der weidenden Herde,
Mein Hündchen bewahret mir sie,
Ich bin heruntergekommen
Und weiß doch selber nicht wie.

Da stehet von schönen Blumen
Die ganze Wiese so voll.
Ich breche sie, ohne zu wissen,
Wem ich sie geben soll.

Und Regen, Sturm und Gewitter
Verpass ich unter dem Baum.
Die Türe dort bleibet verschlossen;
Denn alles ist leider ein Traum.

Es stehet ein Regenbogen
Wohl über jenem Haus!
Sie ist aber weggezogen
Und weit in das Land hinaus.

Hinaus in das Land und weiter,
Vielleicht gar über die See.
Vorüber ihr Schafe, vorüber!
Dem Schäfer ist gar so weh. 

Goethe. Dieses an ein Volkslied angelehnte Gedicht ist im Taschenbuch 1804 veröffentlicht und später in den Zyklus  ‚Gesellige Lieder‘ eingeordnet worden. Die Entstehung wird mit Goethes Ausflügen nach Jena und seinen Besuchen bei  der Familie Ziegesar, insbesondere der Tochter Silvie in Verbindung gebracht.

Wieder entdeckt man in  der mühelos gestalteten und leicht verständlichen Situation des unglücklich liebenden Schäfers manch psychologisch  feine Züge: Der Schäfer sieht sich selbst von unten, er beschreibt einen Vorgang, der sich schon  tausendmal wiederholt hat. Immer wieder also  folgt er der Herde, kommt im Tal an, ohne zu wissen wie. Immer wieder pflückt er ohne bestimmte Absicht, wie in Trance Blumen von der Wiese. Und wenn er vor einer  verschlossenen Tür ein Gewitter abwartet, kommt dem versonnenen Schäfer die Wahrheit in den Sinn: alles ist leider ein Traum. Noch versteht der Leser nicht, was er unter ‚alles‘ verstehen und was durch das ‚Denn‘ in IV,4 erklärt werden soll. Erst nach den Schlussstrophen kann er sich einen Reim machen: das halbbewusste Heruntersteigen und Blumenpflücken war Ausdruck einer unerfüllbaren Sehnsucht, des Traums,  ’sie‘ könne doch noch oder wieder da oder wenigstens erreichbar sein.

Die  Komponisten haben, warum auch immer, aus dem ‚Denn‘ ein weniger feines ‚Doch‘ gemacht.

Zelter (3). Goethes Lieblingskomponist und Altersfreund nach Schillers Tod hat das Gedicht ganz im Sinn Goethes vertont: es ist eine strophische Vertonung, d.h. alle Strophen werden nach der gleichen Musik gesungen, die nur einmal ausgeschrieben werden muss, ganz wie die Lieder im Gesangbuch. Deshalb  kommt es darauf an, eine Melodie zu erfinden, die dem  Gesamtgehalt und auch der Form des Gedichts gerecht wird.

Das ist Zelter hier sehr überzeugend gelungen: er wählt den bei Liedkomponisten überaus beliebten  6/8 Takt mit seinen zwei Betonungen auf dem 1.  und dem 4. Achtel, in dem sich sowohl zwei –  wie dreisilbige Versfüße  mühelos unterbringen lassen. Die in a – Moll stehende Melodie besteht aus vier Takten mit einem aufsteigenden und vier Takten mit einem absteigenden Bogen, was das Hinaufschauen und Herunterkommen des Schäfers gut nachzeichnet. Der Zäsur nach den  dritten Versen  entspricht in der Vertonung eine Pause von zwei Achteln, die enjambementartige Verbindung zwischen den V. 1 u.2 und V.3 u.4 wird sogar noch verstärkt, vor allem zwischen V.3 und 4, wo der höchste und längste  Ton des Lieds  die  Sinnwörter am Ende von V.4 dehnt und hervorhebt, worauf  der letzte Vers jeweils wie beschleunigt in den a – Moll Schlussakkord mündet.
Die Klavierbegleitung mit ihren mäßig schnellen gebrochenen 16tel – Akkorden in den einfachsten Harmoniefolgen der Kadenz  spiegelt  das Bewegtsein des  Schäfers. So gestaltet Zelters Lied eine einzige Situation: den  Auf – und Abstieg der äußeren Handlung und eine unbestimmte Sehnsucht im Inneren des Rollen – Ichs.

Gegensätzliche Stimmungen, überraschende Wendungen, einmalige Pointen o.ä., die  im  strophischen Vertonungsprinzip nicht  berücksichtigt werden können, müssen vom Sänger vermittelt werden. Goethe hat dem  Sänger E. Genast 1815 beigebracht, „wie man Strophenlieder vorzutragen hat“, indem er ihm zwei Strophen von „Jägers Abendlied“ markig, mit einer Art Wildheit und zwei weicher vorsang.
Der Zeltersänger Mammel beherzigt dies,  wenn er z.B. in Strophe IV beim Gewitter etwas heftiger wird oder wenn er vor III,4 und IV,4 sehr sinngemäß eine in der Melodie nicht vorgesehene kleine Zäsur einhält.

Das Strophenlied erinnert immer an Volkslieder; man hört sich rasch in eine Melodie ein, man kann sich in Ruhe auf die Wendungen des  Gedichts, seine Bilder, seinen Rhythmus konzentrieren; kann es auf seelische Feinheiten, wie wir sie  im Text wahrgenommen haben, grundsätzlich nicht eingehen?

Reichardt (4),  der vor Zelter Goethes bevorzugter Komponist war, aber durch seine Einstellung zur französischen Revolution aus Goethes Gunst fiel,   hat das Gedicht ebenfalls strophisch vertont, aber er hat stärker als Zelter das  innere Geschehen vertont:  sein Lied, ebenfalls in einer Moll – Tonart, aber im 4/4 Takt, wird  in sehr ruhigem Tempo gesungen, pendelnde Achtel einer Laute unterstützen den Gesang harmonisch, die Begleitung weckt keine bildhaften Assoziationen. Auch die Melodie malt nicht, sie ist eingängig, schlicht, ein Volkslied der traurigen Art. Das Besondere sind die Dehnungen, bzw. Pausen  an jedem Versende:  man bekommt  Zeit nachzusinnen und wird durch die Pause ein wenig gespannt. Dem Gedicht wird dieser kleine Vorhalt und die kleine Überraschung sehr gerecht, da  Vers vier in fast jeder Strophe, besonders aber in II – IV und VI etwas Unerwartetes, Innerliches ausspricht.

Bestätigt wird diese Sicht durch die Abweichung vom strophischen Schema in VI, 3, wo die Melodie bei „Schaf“ sich durch einen Sprung nach oben vom Gewohnten entfernt und dann noch beim letzten Wort „weh“ mit einem Trugschluss die Wiederholung des letzten Verses einleitet, mit der dem Titel des Gedichts Ausdruck  verliehen wird. Diese kleine Abweichung vom Prinzip des Strophenlieds, die sich Reichardt am Ende erlaubt, steht ganz im Dienst jener  Verinnerlichung  des äußeren Geschehens, die er auch durch das langsame Tempo und die melodische Gestaltung  der letzten Verse angestrebt hat. Man spürt eine starke Empathie mit einem wehmütigen, sehr sensiblen Menschen, der von Anfang an die Hoffnung verloren hat. Reichardt hat sich nicht wie Zelter von den Auf- und Abwärtsbewegungen im Text, sondern vom seelischen Zustand des Traumhaften, des „ich weiß nicht wie“ zu seinem Lied anregen lassen.

Schubert (5) Das Lied entstand in Schuberts Goethejahr 1814, es ist ein schönes Beispiel für die durchkomponierten Kunstlieder, die Goethe nicht akzeptierte, weil sie ihm die Aufmerksamkeit zu sehr vom Wort abzuziehen schienen.

Für jede Strophe findet Schubert eine eigene Struktur: den für den 6/8- Takt typischen Wechsel von Viertel und Achtel  in I, dann bewegtere Dreiergruppen für den Abstieg, gebrochene, leichte  16tel – Akkorde in Dur für das Blumenbrechen und ein  peitschendes 16tel Gehämmer beim Gewitter, dann mitten in Strophe IV eine Fermate, rezitativischer Bericht von der verschlossenen Tür  und – nach  einer angemessenen Pause – die bittere Einsicht in Halbtönen, dass seine Sehnsucht unerfüllt bleiben wird.

Schubert ist nicht der einzige, der auch in einem durchkomponierten Lied  musikalische Elemente mehrfach aufgreift, um der Gefahr der Uneinheitlichkeit zu  begegnen. Wenn er für  Strophe V die  Melodie und Begleitung von Strophe II  wieder aufnimmt  und für  Str. VI die von Str. I, gewinnt er allerdings noch mehr: die Eckstrophen beziehen sich aufeinander, sie rahmen Str. III und IV ein, das Lied endet ähnlich, wie es begonnen hat, und es kann,  wie es in I,2 angedeutet wird, „tausendmal“ wieder beginnen.

Schubert verschränkt die äußere und die innere Handlung miteinander, er dramatisiert, verstärkt Textangebote, und er entdeckt auch die Raffinesse im psychologischen Subtext des Gedichts. So führt er den Hörer durch alle Nuancen des Textes,  macht ihn aufmerksam auf manche Subtilitäten,  er zwingt zu aktivem Hören und distanzierter Wahrnehmung nicht nur der Melodie.

Statt der hypnotischen Wirkung des Reichardtlieds stellt sich hier Bewunderung für den Einfallsreichtum des 17-Jährigen ein,  mit dem er musikalisch auf die Nuancen der Liebessehnsucht  reagiert.