Sehnsucht

(6 Beethoven op.83.2,  7 Schubert D 123)

Was zieht mir das Herz so?
Was zieht mich hinaus?
Und windet und schraubt mich
Aus Zimmer und Haus?
Wie dort sich die Wolken
Um Felsen verziehn!
Da möcht ich hinüber,
Da möcht ich wohl hin!

Nun wiegt sich der Raben
Geselliger Flug;
Ich mische mich drunter
Und folge dem Zug.
Und Berg und Gemäuer
Umfittichen wir;
Sie weilet da drunten,
Ich spähe nach ihr.

Da kommt sie und wandelt;
Ich eile sobald,
Ein singender Vogel,
Zum buschigen Wald.
Sie weilet und horchet
Und lächelt mit sich:
„Er singet so lieblich
Und singt es an mich.“

Die scheidende Sonne
Vergüldet die Höhn;
Die sinnende Schöne,
Sie lässt es geschehn.
Sie wandelt am Bache
Die Wiesen entlang,
Und finster und finstrer
Umschlingt sich der Gang;

Auf einmal erschein ich,
Ein blinkender Stern.
„Was  glänzet da droben,
So nah und so fern?“
Und hast du mit Staunen
Das Leuchten erblickt,
Ich lieg dir zu Füßen,
Da bin ich beglückt!

Goethe.  Zur gleichen Zeit und in den gleichen biographischen Zusammenhängen entstanden wie „Schäfers Klagelied“, offenbart dieses Gedicht viel von Goethes Einbildungskraft, seiner genauen Naturwahrnehmung und innigen Naturfühligkeit, seinem Traum zu fliegen und  seiner Freude am dichterischen Flirt. Er ist etwas über fünfzig  Jahre alt, Silvie ist noch nicht zwanzig, sie  dichtet auch, die beiden wandern  gern in der Natur und verstehen sich – dem Gedicht zufolge – auch über sehr große Entfernungen hinweg.

Wäre das Gedicht in vierzeiligen Strophen geschrieben, wie es die Reimordnung  a a b b in 2-4-6-8 nahe legt, ergäben sich ganz regelmäßige Daktylen mit einer Pause nach den Reimwörtern und einer darauffolgenden Senkung als Auftakt. Solche Langzeilen würden den Vortrag verzögern. So aber,  vielleicht auch vorangetrieben durch die vielen einsilbigen Wörter,  nimmt man beim Lesen Tempo auf, was das Leichte, Spielerische  noch verstärkt.

Das Ich und die sinnende Schöne sind schon von Anfang an in einer Beziehung, denn die Eingangsfragen werden am Ende der zweiten Strophe eindeutig beantwortet:  Ihr will er begegnen, aus der Ferne zwar, vielleicht sogar unbeobachtet, unerkannt wie ein Märchenvogel, aber sehen will er sie dringlich und mit seinem Gesang beglücken. Ein Zeichen von Goethes Feinheit: die Schöne nimmt ihn als Vogel wahr, fühlt sich gemeint, geliebt, sie kommt selbst zu Wort, aber sie will ihre Gefühle nicht verraten, „sie lächelt mit sich“.   Und was erfindet Goethe  für wunderbare Wörter (umfittichen) und Formulierungen : sie lässt den Sonnenuntergang „geschehen“, kehrt nicht zurück, lässt  zu,  dass die Dunkelheit ihren Gang „umschlingt“.

Und er?  Ohne  falsche Bescheidenheit träumt er sich als Stern an den Himmel und schickt ihr sein Licht, wieder mit Erfolg, denn sie nimmt ihn wahr und darf Goethes Lieblingsformel „so nah und so fern“ benutzen, um ihr Gefühl auszudrücken, von der liebenden Natur gesehen zu werden.

Ist das Ende nur eine Pointe? Soll man an eine Spiegelung des Sterns im Wasser denken? Oder an ihren vom Sternenlicht  beleuchteten Weg.  Wer oder was auch immer zu ihren Füßen liegt, es scheint hier ein leichteres, humorvolleres, beglückenderes Spiel zwischen Mann und Frau  gespielt zu werden als in „Das Veilchen.“

Beethoven (6) Während Zelter in einer temporeichen, strophischen Vertonung nur den Schwung der Sehnsucht und das spielerische  Selbstbewusstsein des männlichen  Ich musikalisiert, gelingt es Beethoven, auch das komplexe Miteinander von Mann und Frau einzufangen. Seine Vertonung von 1810 steht in h-Moll und im 6/8 – Takt,  sie ist schwungvoll syllabisch, d.h. so gut wie jede Silbe bekommt ein Achtel. Nur die Reimwörter werden ausgehalten.

Wie bei Zelter wiederholt sich die Melodie des ersten Verspaares, auch hier steigt die Melodie allmählich in die Höhe, verharrt oben und wendet sich dann im Ritardando und in Fis – Dur melismatisch weich nach unten. Wenn in Strophe II  bei diesem  Ritardando zum ersten Mal die Schöne auftaucht, wird der Sinn dieser Wendung ins Weiche offenkundig: Beethoven hat mit einem  Tempowechsel  und  einer Modulation die Komplementarität  Mann – Frau innerhalb der einen Melodie einzufangen versucht.

Obwohl die Stimme diese Melodie fünfmal unverändert zu singen hat, handelt es sich hier nicht um ein Strophenlied.  Denn die Klavierbegleitung ändert sich dem Gedichtverlauf entsprechend von Strophe zu Strophe:  volle forte – Akkorde auf den starken Taktteilen in I, eine Flatterfigur aus paarweise gebundenen Sechszehnteln in der Rabenstrophe,  zwei anmutig federnde Achtelakkorde, gefolgt von einer Achtelpause machen den Gang des Mädchens hörbar,  der  Sonnenuntergang wird durch sechs gleichmäßige  Akkorde im pp  angedeutet, das Wandeln des Mädchens durch Triolen in der Rechten. Im Finale dann kostet  Beethoven nach den „rezitativisch“ zu singenden Versen 1-4 durch selbstbewusst auftrumpfende  Achtelakkorde und einer wiederholten Sechszehntelfigur im forte den Triumpf des Sternen-Ichs voll aus.

Zwischen den Strophen I-IV macht er durch ein dreitaktiges Zwischenspiel, das den  letzten  Oktavsprung des Sängers aufgreift und mit einem Lauf zur nächsten Strophe überleitet, auf das Vergehen der Zeit aufmerksam.

Im Gegensatz zu Zelters Vertonung musste dieses Lied also ausgeschrieben werden.  Beethoven hat eine der vielen Möglichkeiten des variierten Strophenlieds gewählt, weil er den sehr unterschiedlichen  Bildern  in den fünf Strophen musikalisch gerecht werden wollte. So ist mit seiner Vertonung, die beim ersten Hören als Strophenlied empfunden werden könnte,  sowohl auf die innere Handlung mit den  wunderbaren Verschränkungen von männlich und weiblich, von Wahrnehmung und Phantasie, von Nähe und Ferne wie auch auf die verschiedenen Räumlichkeiten des Gedichts sparsam aber sensibel eingegangen.

Schubert (7).   1814 hat der 17 – jährige  Schubert dieses Kantatenlied komponiert, noch sehr im Banne Zumsteegs. Um die  Nuancen des Gedichts umzusetzen, benutzt er alle im Kantatenlied gebräuchlichen Formen: Rezitative (I,1-4;  III, 1-6;  V,1-4), Zwischenspiel mit Vogelgezwitscher nach III,4 und ariose oder liedhafte Passagen. Ähnlich üppig wechselt er zwischen den Tonarten (F,  As, f),  den Taktarten (4/4, 6/8, 12/8 und alla breve),   den Begleitfiguren des Klaviers und den Tempoangaben (mäßig, geschwind, langsam).

So folgt er allen Wendungen des Gedichts, er öffnet immer neue Räume, unterscheidet zwischen dem Ich, einem Erzähler (IV) und den Reden der Schönen. Mit  großer Freude am Detail zeichnet Schubert auch die Gegensätze Mensch – Tier oder Tag – Dämmerung nach.
Vor allem gelingen ihm wunderbare dialoghafte Wechsel von Spiel und Ernst,  Sehnsucht und Lächeln, Zartheit und Selbstbewusstsein, –  der junge Komponist scheint  das Spiel zwischen Mann und Frau musikalisch auszukosten.
Da er aber nur ein einziges Mal einen seiner vielen z.T. sehr schönen  melodischen Einfälle wiederholt (IV 5,6 und 7,8), entsteht keine  musikalische Einheit bei dieser Vertonung. Wie sehr man auch  die Ideenfülle Schuberts beim Hören  genießen mag,  im Gedächtnis bleibt das kantatenhaft Durchkomponierte und nicht – wie bei Beethovens Vertonung – eine dominante melodische Figur.