So lasst mich scheinen

( 24  Schubert D 877,  25 Schumann op.98a.9,  26 Wolf Goethe-Lieder 7 Mignon III)

So lasst mich scheinen, bis ich werde,
Zieht mir das weiße Kleid nicht aus!
Ich eile von der schönen Erde
Hinab in jenes feste Haus.

Dort ruh ich eine kleine Stille,
Dann öffnet sich der frische Blick,
Ich lasse dann die reine Hülle,
Den Gürtel und den Kranz zurück.

Und jene himmlischen Gestalten ,
Sie fragen nicht nach Mann und Weib,
Und keine Kleider, keine Falten
Umgeben den verklärten Leib.

Zwar lebt ich ohne Sorg‘ und Mühe,
Doch fühlt‘  ich tiefen Schmerz genung;
Vor Kummer altert‘ ich zu frühe;
Macht mich auf ewig wieder jung! 

Goethe. Mignons  letztes Lied steht im zweiten Kapitel des achten Buchs. Im Gegensatz zu ihrem Sehnsuchtslied lässt sich dieses nicht ohne Einbettung in den Kontext verstehen. Mignon, die jetzt bereit ist, Frauenkleider zu tragen, aber von tiefen Empfindungen „aufgezehrt“ wird,  soll auf einem Kindergeburtstag als Engel verkleidet die Geschenke überreichen. Nach der Geschenkübergabe und einem lesenswerten Gespräch zwischen  den Kindern singt Mignon dieses Lied, sich auf ihrer Zither selbst begleitend. Sie ist voller Todesahnung,  blickt aber im Engelsgewand wie bereits erlöst in eine jenseitige Welt und nimmt nach einem  Rückblick auf ihr kurzes Leben die befremdliche Zeremonie vorweg, die die Turmgesellschaft mit ihrem Körper veranstalten wird.

Das „scheinen“ im ersten Vers ist darum nicht als ‚bloßer Schein‘, sondern als Vorschein auf künftige Wahrheit zu verstehen, vielleicht darf man auch an ein Leuchten denken.  In der dritten Strophe weist Mignon auf ihre unsichere Geschlechtszugehörigkeit hin und drückt die Hoffnung aus, dass sie  – wie die Engel selbst – nicht mehr zu einer Entscheidung gezwungen wird. In der letzten Strophe rührt sie an ihre  geheimnisvolle Herkunft, die nach ihrem Tod durch einen Onkel aufgeklärt wird, nicht zur Freude aller zeitgenössischen Leser, die  Mignon und den Harfner, ihren Vater, lieber im romantisch – geheimnisvollen Dämmerlicht gelassen hätten. (Vergleiche den Nachtrag am Ende1)

Die vier Strophen fließen in regelmäßigen vierhebigen Jamben dahin, meist ist am Versende eine Atempause möglich,  in Sprache und Gliederung wirkt dieser rührend weltentrückte Gesang eher volksliedartig schlicht. 

Schubert (24) hat diese Schlichtheit in seinem Lied wunderbar bewahrt: die überwiegend syllabische Melodie steigt ohne große Sprünge auf und ab, die Begleitung bleibt das ganze Lied über in dem  Rahmen, den das Klaviervorspiel festlegt, nach jedem Vers folgt eine kurze Zäsur,  nach jeder Strophe ein zweitaktiges Zwischenspiel. Das Gleichmaß wird verstärkt durch die strophische Gliederung, allerdings fasst Schubert zwei Textstrophen zusammen, so dass die Melodie nur einmal wiederholt wird. Da dadurch  der „frische Blick“ in II,2  und „Schmerz“ in IV,2 an die gleiche Melodiestelle rücken, erlaubt sich Schubert, die Terz nach der Schleife bei „Schmerz“ mollmäßig zu erniedrigen, dann aber den letzten Vers als jubelnden Abschluss mit einer Textwiederholung von „auf ewig“  zu vertonen.

Dennoch  überwiegt der Eindruck,  Schubert sei es auf Schlichtheit, Innerlichkeit, Weltüberwindung angekommen, man fühlt sich sehr an die Romanseiten erinnert, in denen Mignon auf die Frage, ob sie ein Engel sei, antwortet: „Ich wollte, ich wär‘ es“ und auf die Frage, warum sie eine Lilie trage, sagt: „So rein und offen sollte mein Herz sein, dann wär‘ ich glücklich.“

Schumanns Lied (25), ebenfalls  im 3/4 Takt und in Dur, ist durchkomponiert. So kann er den ganzen Reichtum seiner Ausdrucksvaleurs aufbieten und für jede Nuance im Text eine Lösung finden: außer dem absteigenden Akkord in II,1 und II,2 und IV,4 wird kein Motiv wiederholt, es gibt verzwickte und ganz schlichte Melodiebögen, syllabisch aufsteigende Linien innerhalb der Tonleiter in I,2, kurz darauf eine raffinierte Moll-Triole zu I,3;  in der zweiten  Strophe unterbrechen theatral wirkende  f-Abstiege auf II,2 und 3 die rührend innig vertonten Aussagen  Mignons  über ihre Grabstätte, „die reine Hülle“ und „die himmlischen Gestalten“.  Die Verse  werden  oft überraschend, aber immer nachvollziehbar skandiert, manche Wörter  werden auffällig  überdehnt (‚rein, verklärt, doch‘), am Ende wiederholt Schumann die letzten vier Wörter wie Schubert noch einmal, allerdings noch um einige Grade aufprunkender und gleichzeitig  ein  wenig zu konventionell.

Schumanns Lied erinnert in nichts mehr an die Schlichtheit von Mignons Gedicht, es wirkt, als hätte er in das Innere dieser  geheimnisvoll verhüllten und fast noch naiven Figur blicken und mit seiner Musik ihre intensivsten Gefühle aufspüren  wollen.

Hugo Wolfs Lied (26) bleibt auch nach mehrmaligem Hören fremd. Eine genaue harmonische Analyse könnte ermessen, wie weit er sich von dem klassisch-romantischen Gravitationszentrum des Harmonieschemas entfernt. Auch die  durchgängig synkopische Begleitfigur der linken Hand verstärkt die Unsicherheit: nichts steht sicher an seinem festen Platz,  man spürt ein Schweben, ein leises Verschieben von Grenzen und Zielen.  Einige melodische Motive tauchen mehrmals auf, bleiben aber nicht  als feste Bausteine im Gedächtnis, um dem Prozess Struktur und der Figur einen festen Umriss zu geben. Allerdings drängt sich der Eindruck auf, dass Wolf  bewusst die Figur Mignons ins Unfassbare entrücken wollte, sie wirkt schon recht nahe an einem Jenseits, das allerdings eher von Wagners Musik als von der Schuberts erfüllt zu sein scheint.

Nachtrag.  Ist es für das aktive Hören der verschiedenen Vertonungen der Lieder aus  „Wilhelm Meister“ von Belang, den Roman gelesen zu haben? Kannten die Komponisten den Kontext der Lieder? Wussten sie alle, dass Mignon die Tochter des Harfners ist, der sie  – als Geistlicher – mit seiner leiblichen Schwester gezeugt hat, allerdings – schuldlos schuldig – ohne Kenntnis dieser verwandtschaftlichen Beziehung.

In der Rezeption des Romans wurde von Anfang an auf Mignons androgynen Charakter hingewiesen. In der Literaturwissenschaft gibt es dazu viele Deutungsansätze,  es wird z.B. auf die besondere Rolle des Androgynen auch bei den anderen Frauenfiguren im Roman hingewiesen,  und es gibt eine schulmäßig vorgenommene  psychoanalytische Analyse Goethes von  K. Eisler, in der Meisters Beziehung zu Mignon   eine herausragende Bedeutung einnimmt.

Was erst in jüngster Zeit durch den Roman „Middlesex“ von Eugenides über den engen Kreis der Sexualforschung hinaus bekannt wurde, ist die Tatsache, dass sich verschiedene Formen von Hermaphroditismus bei Nachkommen aus inzestuösen Geschwister – Beziehungen häufen.

Es wäre interessant zu erfahren, ob Goethe auf irgendeine Weise von dieser Tatsache Kenntnis erhalten hatte, als er die Geschichte des Harfners und Mignons erfand.