Trost in Tränen

( 8 Zelter,  9 Schubert  D120,  10 Brahms  op.48.5)

Wie kommts, dass du so traurig bist,
Da alles froh erscheint?
Man sieht dirs an den Augen an,
Gewiss, du hast geweint.

„Und hab ich einsam auch geweint,
So ists mein eigner Schmerz,
Und Tränen fließen gar so süß,
Erleichtern mir das Herz.“

Die frohen Freunde laden dich,
O komm an unsre Brust!
Und was du auch verloren hast,
Vertraue den Verlust.

„Ihr lärmt und rauscht und ahnet nicht,
Was mich, den Armen, quält.
Ach nein, verloren hab ich’s nicht,
So sehr es mir auch fehlt.“

So raffe denn dich eilig auf,
Du bist ein junges Blut.
In deinen Jahren hat man Kraft
Und zum Erwerben Mut.

„Ach nein, erwerben kann ich’s nicht,
Es steht mir gar zu fern.
Es weilt so hoch, es blinkt so schön,
Wie droben jener Stern.“

Die Sterne, die begehrt man nicht,
Man freut sich ihrer Pracht,
Und mit Entzücken blickt man auf
In jeder heitern Nacht.

„Und mit Entzücken blick ich auf,
So manchen lieben Tag;
Verweinen lasst die Nächte mich,
Solang ich weinen mag.“

Goethe. Ein reines Dialoggedicht. Es gibt keinen neutralen Sprecher. Der Tröstende hat das erste Wort, der Leidende behält das letzte. Selten erklingt ein   „lyrischer“ Ton, hier wird eher argumentiert als gesungen; aber mit welcher Behutsamkeit, mit wie viel Einfühlung, Aufeinander – Eingehen und Geltenlassen des anderen Standpunkts. Man achte nur mal darauf, wie regelmäßig die beiden Ichs Formulierungen ihres Gesprächspartners aufnehmen und umdrehen (Weinen, Verlust, Erwerben, Stern, Entzücken, Nacht und Tag).

Für uns heute ist vielleicht erstaunlich, welch große Rolle die Gruppe, also  der Freundeskreis, hier spielt, aus dem sich der Leidende ausgrenzt (I,2), dem er aber gar nichts vorzuwerfen hat, er besteht nur auf seinem Recht, einsam zu sein und sich in süßen Tränen zu verlieren; so geht er in IV, 3  mit   rätselhaften Formulierungen auf sein verheimlichtes Leid  ein: er will darüber sprechen, ohne sich ganz zu offenbaren. Der Tröstende versteht genau und zieht konsequente Schlüsse aus den Andeutungen: wenn es nicht um Verlust geht, sondern um Wünsche, dann handle, strebe (V). Darauf  folgt wieder ein genau differenzierender, aber verheimlichender Einwand: Das Gewünschte ist unerreichbar wie ein Stern.

Die beiden Schlussstrophen übertreffen das Bisherige an Scharfsinn und Lebensklugheit: Träume von Unerreichbarem bleiben doch bei uns Normalen, Lebenstüchtigen der Nacht vorbehalten. Dagegen der empfindsam Schwärmende, der ins Leiden Verliebte, einer, der vielleicht sogar das Lieben aus der Ferne der erfüllten Liebe vorzieht: mein Tag gehört dem Entzücken des Anblicks, meine Nacht gehört dem Weinen über die Unerreichbarkeit.

Das Gedicht entstand auch um 1804 und gehört zu den „Geselligen Liedern“. Es ist mit seinen durchwegs männlichen Kreuzreimen und seinen  wechselweise vier- und dreihebigen Jamben sehr regelmäßig, ohne Pausen am Versende, was leicht zum Leiern verführt.

Zelter (8). Es war  Reichardt, der 1809 als erster die naheliegende Struktur eines variierten Strophenlieds für dieses Dialoggedicht gewählt  hat: zwei Strophen des Gedichts werden zu einer musikalischen Strophe zusammengefasst, es entstehen vier musikalisch gleiche Strophen, die aber unterteilt und mehr oder weniger gegensätzlich gestaltet sind. Reichardt hat  die vier Verse  des Tröstenden (A) in Dur komponiert, mit energischen Akkorden in der Lautenklavier – Begleitung, die vier Verse  des Traurigen (B) dagegen in der gleichen Melodie  nur in Moll singen lassen,  melancholisch-schlaff, von  16tel Triolen  begleitet.  So wird in dieser Vertonung durch die achtfache Wiederholung der gleichen Melodie das Zusammengehörige der beiden Kontrahenten stärker herausgearbeitet als  das Trennende ihrer  Lebenseinstellung.

Zelter dagegen komponiert  beide Teile in  Moll. Aber er erfindet für die B – Strophen eine neue Melodie; während A nach einem treppenartigen und rhythmisch ganz gleichförmigen Aufstieg im Raum der oberen Oktave bleibt, beschränkt sich  die Melodie in B auf einen kleineren  Intervallraum und  sinkt am Ende „verschmelzend“ und in längeren Tönen zum Grundton ab. Die regelmäßig zwischen Vierteln und Achteln alternierende Begleitung in A  weicht einer fließenderen Achtelbewegung in B.

Die dialogische Struktur kommt so klarer zum Vorschein. Der Tröstende übernimmt zwar empathisch die „Tonart“ des Traurigen,  Rede und Gegenrede sind aber deutlicher unterschieden und  die Fermate zwischen A und B lässt dem Hörer gleichsam Zeit, der Logik der Argumentation zu folgen. Eine Stellungnahme des Komponisten ist nicht herauszuhören.

Schubert (9) komponiert wie seine Vorgänger das Gedicht strophisch und fasst wie diese immer Rede und Gegenrede zu einer musikalischen Strophe zusammen. Aber er reißt beides viel weiter auseinander. Und er ergreift Partei! Die Vorwürfe des Tröstenden sind in simplen Dur – Akkorden vertont, die Begleitung beschränkt sich weitgehend auf harmonisch eindeutige Aussagen auf den starken Taktteilen, natürlich wird durchwegs laut gesungen und nachdrücklich skandiert.

Demgegenüber verbreiten die B – Teile eine süße Melancholie, die Begleitung fließt, der Gesang erhebt sich  über eine Oktave und verliert ein wenig den harmonischen Halt,  bis er am Ende in Dur mündet, gleichsam als selige Bestätigung des Schwärmens. Vor allem aber wiederholt Schubert in jeder B – Strophe die Verse  3 und 4 und danach den vierten Vers noch einmal, als hätte er Sinn für die „stets erneute Klage“ oder für die „Wonne der Wehmut“ des Sehnsüchtigen.

Das Wiederholen von Textpartien ist hier –  wie später so oft auch bei anderen Liedkomponisten –  keine unbedachtsame Floskel und schon gar kein  Fortwirken des Arienstils im Kunstlied, sondern ein unüberhörbares Mittel der Schwerpunktsetzung und damit der Textdeutung.

Man wird in dieser Vertonung an die Liebe Werthers erinnert, die ihre besondere Kraft und Farbe  gerade aus der Unerreichbarkeit der Geliebten gewinnt. Und wie bei Werther ist in Schuberts Vertonung die Kluft zur Gesellschaft der Freunde unübersehbar, vielleicht unüberbrückbar.

Brahms (9) benutzt ähnliche Mittel wie seine Vorgänger. Er wechselt im Inneren seiner Strophe vor dem B – Teil die Vorzeichen, aus E – Dur wird  e – Moll;  die  Begleitung hat in A einen verlässlichen  Gang aus alternierenden Vierteln  und Achteln,  in B dann wiegende Dreiergruppen  in der Rechten und sogar verunklärende Bindungen im Nachspiel;  in A ist die Melodie eher aus Dreiklängen zusammengesetzt,   in B steigt sie  bei V.3 und 4 über mehrere Takte hin chromatisch ab.

Dennoch ist die Kluft zwischen den Lebenseinstellungen der beiden Kontrahenten wieder geringer geworden. Das liegt vor allem an dem analogen Beginn der Melodien: beide steigen mit  einem Quartsprung nach oben und kehren  allmählich zur Dominante  zurück. So wirkt die Vertonung der ersten beiden Verse in A und B wie  Frage und  Antwort  oder wie  Behauptung und Replik,  eben genauso wie im Gedicht Goethes  mit seiner engen argumentativen Verklammerung zwischen A und B.

Der Gegensatz der  Dialogpartner ist nicht mehr so stark wie bei Schubert,  der offensichtlich mehr Sympathie für den „Romantiker“ aufbringt und den Tröstenden musikalisch als „Philister“ charakterisiert.  Brahms fühlt  sich nicht zu einer Wertung  berufen, man hat eher den Eindruck, hier könnten auch zwei Seelen in der Brust des gleichen Mannes miteinander rechten.