Agnes

(12 Brahms op.59.5, 13 Wolf ML14,   14 Peter Schindler)

Rosenzeit! Wie schnell vorbei,
Schnell vorbei
Bist du doch gegangen!
Wär mein Lieb nur blieben treu,
Blieben treu,
Sollte mir nicht bangen.

Um die Ernte wohlgemut,
Wohlgemut
Schnitterinnen singen.
Aber ach! Mir kranken Blut,
Mir kranken Blut
Will nichts mehr gelingen.

Schleiche so durchs Wiesental,
So durchs Tal,
Als im Traum verloren,
Nach dem Berg, da tausendmal,
Tausendmal
Er mir Treu geschworen.

Oben auf des Hügels Rand,
Abgewandt,
Wein ich bei der Linde;
An dem Hut mein Rosenband,
Von seiner Hand,
Spielet in dem Winde.

Mörike. Agnes, die verlassene Geliebte, beklagt  ihr Schicksal in  – man lese das Gedicht einmal ohne die Wiederholungen in den Versen 2 und 5 – vier einfachen Volksliedstrophen:  regelmäßig trochäische, also volltaktige Verse mit abwechselnd vier und drei Hebungen, regelmäßig ist auch die Kreuzreimstellung mit abwechselnd männlichen und weiblichen Reimwörtern, und fast eintönig einfach wirkt  die Cäsur am Ende jedes Verses.

Und auch das Thema des Lieds ist   bekannt, Agnes zögert auch nicht, Klarheit zu schaffen: sie leidet unter der Treulosigkeit ihres Geliebten, sie sondert sich ab, sie weint abgewandt auf einem Hügel, in der Hand noch sein Geschenk.
Und doch ist alles anders als in den beiden anderen Mädchenliedern „Das verlassene Mägdlein“ und „Ein Stündlein wohl vor Tag“.
Die Klage wird dieses Mal am Tage gesungen, im Spätsommer im Freien,  mitten unter anderen Mädchen. Und im Zentrum steht nicht der Liebesverrat, sondern die Bangigkeit des Mädchens angesichts der voranschreitenden Zeit. Sie scheut sich nicht, ihren Zustand mit krassen Worten zu bezeichnen: ihr Blut ist krank, sie schleicht traumverloren zurück an die Stelle, wo ihr der Treulose die Treue geschworen hat, und gibt sich dort allein,  also  fern von möglichem Trost,  ihren Tränen hin. Agnes ist krank, ihr Gemüt ist zerrüttet, sie wird nicht mehr zurück finden in den Kreis der Schnitterinnen.

Liest man jetzt noch einmal das ganze Gedicht samt der Wiederholungen in V.2 und 5, dann verlieren diese Einschübe ihre volksliedhafte Harmlosigkeit,  sie drücken die Traumverlorenheit aus, den kranken Zustand, den Verlust von Gelingen, Selbstgewissheit und Herrschaft über sich selbst.   

Brahms (12) hat für die Vertonung dieses Lieds (op.59.5) zwei wichtige Entscheidungen getroffen:
Erstens wählt er einen  Doppeltakt aus 3/4 und 2/4; er setzt die Anfänge der längeren Verse in den 3/4 Takt, die  folgenden Worte und ihre Wiederholungen in  V.  2 und 5  in den 2/4 Takt. So erreicht er eine Unruhe, ein „schnell vorbei“, ein Verzögern und Vorandrängen.
Zweitens  vertont er die Singstimme strophisch, so dass man schnell  mitsingen könnte, zumal er auch die Verse 4 – 6  zweimal singen lässt (ab Strophe II allerdings nicht ganz identisch wiederholend, sondern  mit einer ausdrucksstarken Tonhöhen-  und Tondauersteigerung auf den Wörtern ‚krank, tausend und Rosen‘).
So erreicht er den Eindruck von zwanghafter Wiederholung, das Unruhige bleibt, die Ausweglosigkeit nimmt zu. Dagegen variiert er die Klavierbegleitung, weniger harmonisch als rhythmisch, wobei er wiederum sehr sensibel wichtige  Textsignale umsetzt: so verstärkt in I das Klavier die für das ganze Lied charakteristische Punktierung, beginnt in II verunsichernd,  synkopisch zu pendeln, um in III einen schleichenden Achtelgang anzudeuten, der sich dann in IV,  harmonisch aufgefüllt,  in beiden Händen durchsetzt.
Die verschieden langen Zwischenspiele zwischen den Strophen geben Zeit zum Nachsinnen,  nehmen die  neue rhythmische  Gestalt vorweg und verbinden das Geschehen.

Brahms hat nicht wie sonst so gern das Volksliedhafte seiner Vorlage verstärkt, sondern ein rhythmisch einprägsames Kunstlied geschaffen, das dem Hörer nicht erlaubt, über Mörikes krasse Formulierung vom kranken Blut hinwegzugehen. Selten gelingt es einem Musiker,  den Zustand der Mutlosigkeit und Verlorenheit so einfühlsam auszusingen.

Wolf  (13) hat ein völlig anderes Lied komponiert. Es soll „ziemlich langsam, schwermütig“ gesungen werden, steht in f-Moll und in einem Vierertakt. Wolf fasst Strophe I und II  zu einer Einheit zusammen und wiederholt diese für Str. III und IV in der Singstimme fast ‚wörtlich‘. Nur den  letzten Vers von Strophe IV lässt er in lang ausgehaltenen Noten,  gleichsam im Winde, verklingen.

Interessant und nicht leicht zu deuten ist die Klavierbegleitung: in einem 5 – taktigen Vorspiel gerät man in einen Schwebezustand;   niemand dürfte, bis der Gesang anhebt,  herausgefunden haben, wo der Takt beginnt.   Die Melodie setzt dann mit vier ruhigen Vierteln ein und skandiert  und illustriert den Text unaufdringlich, anfangs sanglich, dann am Strophenende chromatisch, schwierig. Im Zwischenspiel zwischen I und II setzt dann eine andere Begleitfigur ein, bei der die Rechte durch  Achtelpausen auf den starken Taktteilen zu einer Art verzögertem Dazwischenschlagen gezwungen wird. Diese Figur wird von III an von der linken Hand übernommen, ab Strophe IV findet sie sich wieder rechts. So bleibt unter dem schleppenden, eher gleichförmigen  Gesang etwas Ungleichmäßiges, Unverlässliches, was ein wohliges Einschwingen auf solche allzu vertrauten Klagen eines Mädchens vom Lande nicht zulässt.

Peter Schindler (14). Wie viel Kraft liegt noch in den Vorwürfen dieser Agnes.
Die durchgehend  rhythmisierte, fast tänzerische  Begleitung gibt ihrem Gesang festen Halt, die Zwischenspiele vermitteln Freude am Spiel mit den Motiven, die Melodie ist alles andere als  enggeführt, schwermütig, kraftlos.

Die Sängerin  kehrt zwar   immer wieder refrainartig zur ersten Strophe zurück, in der noch am stärksten das Schicksal einer Betrogenen beklagt wird.  Umso stärker hebt sich dann aber der anklagende Ton der Strophen II – IV davon ab.  Das Wort vom  ‚kranken  Blut“ wird nicht wiederholt, also nicht  betont, dafür wird das fast selbstbewusste Herausschreien von „tausendmal“ zur Anklage. Man mag in dem echohaften Umgang mit dem Wort „Winde“ in IV auch etwas Verlorenes, Opferhaftes heraushören, im Kontext des ganzen Liedes drängt sich doch stärker die Vorstellung auf von  bewusstem Abschied und Einverständnis mit dem „schnell vorbei.“  Um die Agnes von Sandra Hartmann muss man sich keine Sorgen machen.