Denk es o Seele

(19 Wolf ML 39, 20 Pfitzner op.30.3, Schindler Sonne Mond und Sterne I,7)

Ein Tännlein grünet wo,
Wer weiß, im Walde,
Ein Rosenstrauch, wer sagt,
In welchem Garten?
Sie sind erlesen schon,
Denk es, o Seele!
Auf deinem Grab zu wurzeln
Und zu wachsen.

Zwei schwarze Rösslein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Sprüngen.
Sie werden schrittweis gehn
Mit deiner Leiche;
Vielleicht, vielleicht noch eh
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe!

Mörike. Dieses Gedicht ist 1851 entstanden und in einer Frauenzeitschrift veröffentlicht worden. Mörike hat es dann 1856 ohne Titel ans Ende der Erzählung  „Mozart auf der Reise nach Prag“ gestellt, wo es von  Franziska  als  „böhmisches Volksliedchen“ bezeichnet und gelesen wird, wobei ihr im Gedanken an Mozart „heiße Tränen entfielen.“

Mörike hat öfter im Scherz eigene Gedichte als Volkslieder ausgegeben: dieses Gedicht allerdings ist  noch rascher  als „Kunstgebild der echten Art“ zu erkennen als z.B. „Ein Stündlein wohl vor Tag“, das ein Freund  schnell als Werk Mörikes identifizierte:
die unterschiedliche Länge der Strophen,  die auffälligen w – Alliterationen der ersten Strophe und vor allem die abwechslungsweise drei – und  zweihebigen Verse, die unwillkürlich verbunden und als fünffüßige ungereimte Jamben gelesen werden,  verweisen auf einen Künstler, der mit Raffinesse den Eindruck volksliedhafter Einfachheit   zu erwecken weiß.

Ungewöhnlich für Mörike ist die klare Abfolge von Bildteil A (V.1-4) und Reflexionsteil B (V.5-8 oder 10) in beiden Strophen.
Während die beiden Reflexionsteile sich als  schonungsloses memento mori  aufdrängen, haben die  beiden Bilder auffälliger Weise  gar nichts mit dem Tod zu tun haben, im Gegenteil: Verborgenes Wachstum und „muntere“ Bewegungen von Tieren evozieren Leben, nicht Sterben. So ist die Reflexion auch keine „subscriptio‘  unter einem  bildhaften  Exemplum wie in der barocken Emblematik, sondern der  Einfall und die Mahnung,  auch mitten im Leben „es“ zu denken: dass wir sterben müssen. ‚Wir‘ heißt in I,  6 und 7 noch ‚Seele‘ oder  ‚du‘,  am Ende der zweiten Strophe, wenn das memento mori durch die Wiederholung von ‚vielleicht‘ noch mahnender ausgesprochen wird,  gibt es ein lyrisches Ich. Es sieht  ein  Hufeisen blitzen, das sich noch nicht  gelöst hat, also auch  nicht als Glücksverheißung gefunden werden kann.

Dieses Ich hat also den Gedanken, es könnte sterben, noch bevor es das Glück gefunden hat. Anders ist die um zwei Verse längere Lehre der zweiten Strophe nicht zu verstehen.

Das Spiel von Andeutungen und Verschränkungen, wie  Mörike es liebte, zeitigt ein nur scheinbar   einfaches Sprachgebilde,  leichtgewichtig, in sich glitzernd, kostbar.

Wolf (19).  Einmal mehr ist es Wolf auf bewundernswerte Weise gelungen, die literarische Struktur des Gedichts durch die Musik bewusst zu machen. Deutlich ist zu hören, dass er  zum Beginn der Mahnung in I,5 von d – Moll zu der sehr entfernten Tonart gis – Moll wechselt und den Sänger zwingt, bei V.5  eine übermäßige Quart tiefer   neu einzusetzen.

Zu Beginn der zweiten Strophe kehrt  Wolf zu d-Moll zurück; er bleibt zwar  beim 6/8 Takt,  ändert aber den Rhythmus, der jetzt mit punktierten Achteln die munteren Sprünge nachahmt. Nach einem zweitaktigen Zwischenspiel mit einem Crescendo wechselt er beim Beginn der Reflexion in  II,5  zu einem 2/4 Takt, es soll „etwas zurückhaltend“ gesungen und „schwer“ gespielt werden, zunächst  leise, dann  mit einer Steigerung bis zum ff  bei „Eisen“  in II,9. Das Blitzen wird durch ein kurzes Tremolo ausgedrückt, nach  vier Takten ist aus dem ff ein ppp geworden.

Das kunstvolle 8-taktige Nachspiel bleibt im 2/4 Takt, nimmt aber mehrere melodische und rhythmische Motive aus dem Vorspiel und den  im 6/8 Takt komponierten Teilen wieder auf und verklingt im  fast Unhörbaren.

Bis ins Detail spürt man, wie genau Wolf seine Vorlage verstanden hat: man könnte z.B. leicht  über das „wachsen“ in I,8 hinweg lesen, mit dem  Mörike darauf hinweist, dass das Leben auch nach dem Tod weiter geht.  Wolf verhindert das durch eine kleine Pause und einen ungewohnten  Sprung um eine große Sept nach unten.

Weiterhin gibt es im Vorspiel, im Zwischenspiel zwischen den Strophen und leicht verändert im Nachspiel eine charakteristische Figur aus chromatisch absteigenden Achteln, die sowohl schmerzlich wie tröstlich klingt und damit wie das musikalische Motiv für das memento mori wirkt. Wenn die Stimme einsetzt in I und dann auch in II,   ist dieser Ernst erst einmal beiseite geschoben. Auch bleibt diese Figur ausschließlich der Begleitung  vorbehalten und wirkt so   wie die Vorwegnahme und Erinnerung  des eigentlichen Themas.

Pfitzner (20 kannte Wolfs Vertonung und folgt ihr vor allem in der Skandierung der Verse I,1-4. Auch er wählt ein langsames Tempo für  das  im  4/4 Takt stehende Lied, das mit seinen 28 Takten knapp  halb so lang ist wie Wolfs Vertonung mit 62 Takten.

Pfitzner trennt die A – und B – Teile nicht voneinander, im Gegenteil, das ganze Lied über benützt er ein rhythmisches Motiv: am Ende des Taktes steht fast immer eine punktierte Triole, deren Sinn sich erst bei II,1 erschließt, wenn von den Rösslein die Rede ist: denn dann spielt das Klavier vier Takte lang nichts anderes mehr als diese rhythmische Figur, die das Springen der Pferde nachzeichnen soll.

Auch bei der Verwendung der melodischen Motive unterscheidet er eher die Strophen als die A und B – Teile. Bei II,1-4 verwendet er sogar ein anderes Motiv als bei I,1-4; in dem  folgenden Reflexionsteil B aber greift er mehrfach auf  Wendungen  aus dem Bildteil A von Strophe I zurück. Es geht ihm also mehr um die Verklammerung, um die Einheit, als müsste jeder gleich  an den Tod denken, wenn von Tännlein oder Rosenstrauch die Rede ist.

Dieser Eindruck wird verstärkt einmal durch die besonders sorgfältige Vertonung (ritardando) des schon von Mörike wiederholten „vielleicht“ in II,7  und durch die sehr  eindringliche Ausgestaltung des Titelverses „Denk es, o Seele“, den   Pfitzner am Ende nach II,10 eigenmächtig wiederholt und zwar  eine Oktav tiefer als in I, 6 und jetzt im dreifachen pianissimo;     es ist eine absteigende Schrittfolge von erniedrigten Tönen: ges – fes- es- des – ces, die in das in Es – Dur beginnende und endende Lied eine  fremde, kirchentonartige Klangfarbe hineinbringt.

Das eindringliche, ruhige Lied erinnert in nichts mehr an ein „böhmisches Volksliedchen“, aber es erfasst als Ganzes auf seine Weise sehr fein den Kerngehalt von Mörikes Gedicht.

Schindler, Peter
Der 1960 geborene Komponist  hat 2014 im Carus-Verlag unter dem Titel „Rosenzeit“ einen Band mit 30 Vertonungen deutscher Gedichte  für Singstimme und Klavier veröffentlicht. In einer Fassung für Chor und Orchester ist Schindlers musikalische Neudeutung von Mörikes Gedicht in seiner Kantate „Sonne, Mond und Sterne“ auf der CD 1 Track 7 zu hören.

Hat man die beiden neuromantischen  Lieder noch im Ohr, fällt  auf, dass Schindler auf jegliches Malen verzichtet: kein Wachstum und keine munteren Pferdesprünge sind zu hören, die beiden Strophen werden eher parallelisiert als gegeneinander gesetzt. Auch sind   die Reflexionsteile ab Vers 5 in beiden Strophen musikalische Wiederaufnahmen der Verse 1-4, keine überraschenden   Neueinsätze.  Dafür bekommt der Vers 7, den Mörike auch als Titel verwendet hat,  ungeheures Gewicht: „Denk es o Seele“  wird in I fünfmal, in II viermal wiederholt, insgesamt erklingt dieses zentrale Motiv in 18 Takten, während  für die 17 anderen Verse nur 32 Takte aufgewendet werden.  Das Memento mori, auf das das Wörtchen ‚es‘ im 7.  Vers verweist, wird so zur zentralen Aussage in Schindlers Vertonung, auch weil das eindrucksvolle rhythmische Pattern mit der verlangsamenden Vierteltriole und den   punktierten  und lange ausgehaltenen Vierteln  sich unauslöschlich einprägt.

Welche Einstellung zu diesem  Thema –  epochenlang ein gesellschaftliches Tabu – lässt sich nun aus Schindlers Lied heraushören? Liszt erhob in seiner Goethevertonung – beängstigt und predigend zugleich – den Zeigefinger bei den unendlichen Wiederholungen von Goethes „Warte nur, balde ruhest du auch“.  In Schuberts Claudiusvertonung  versucht der Tod das Mädchen zu trösten. Heute ist das Sterben zum verdinglichten Talkshowthema verkommen.

Schindlers expressiv im „Blue Lento“ vorzutragendes Lied  hüllt den Hörer in  eine meditativ melancholische Stimmung;  fast gerät man in einen tranceartigen Zustand, da die Singstimme immer wieder zwei Verse rhythmisch auf fast die gleiche Weise zusammenfasst und durch Pausen voneinander trennt. Wer genau hinhört, kann erkennen, dass die Synkope im ersten Takt dem Vers 3 zu verdanken ist,  wo  die Senkungssilbe  ‚wer‘  aufgewertet     werden soll. Er wird auch hören, dass von II, 9 an anders deklamiert wird als bislang, und zwar so,  dass bei ‚Hufen das Eisen‘ durch das forte –  das einzige im Lied! –  und durch die Vierteltriole ein Anflug von Bedrohlichkeit aufblitzt. Und nicht zuletzt wird er  die jazzigen,  harmonisch wohligen Reibungen wahrnehmen und genießen, mit denen Schindler die litaneiartig deklamierten Verse Mörikes unterlegt und vorsichtig charakterisiert hat.  Wie Schubert kann auch er durch ein kurz aufklingendes Dur Dem Memento Mori die Schwere nehmen: als ob er uns ein gelassenes Hindenken auf das Ende des Lebens empfehlen wollte.