Der Gärtner

(5 Schumann  op.107.3,  6 Wolf ML 17)

Auf ihrem Leibrösslein,
So weiß wie der Schnee,
Die schönste Prinzessin
Reit’t durch die Allee.

Der Weg, den das Rösslein
Hintanzet so hold,
Der Sand, den ich streute,
Er blinket wie Gold.

Du rosenfarbs Hütlein,
Wohlauf und wohlab,
O wirf eine Feder
Verstohlen herab!

Und willst du dagegen
Eine Blüte von mir,
Nimm tausend für e i n e ,
Nimm alle dafür!

 

Mörike schrieb 1837 dieses Rollengedicht, das wie das gleichnamige Gedicht von Eichendorff  die Liebe eines abhängigen Mannes zu einer höhergestellten Frau gestaltet.

Doch während  der minnesängerische Gärtner bei Eichendorff der Angebeteten seine Liebe nicht zeigen darf  und singend sein Grab gräbt,  lässt  er bei Mörike seiner Phantasie nicht gerade freien, aber doch anspielungsreichen  Lauf.
Nur anfangs nimmt der Gärtner  die schönste Prinzessin bei ihrem Ausritt direkt in den Blick, von da an sind alle Selbstoffenbarungen indirekt, verspielt, verschlüsselt. In der zweiten Strophen freut es ihn, dass er zur Verklärung des Tanzritts den Goldgrund geliefert hat, danach wendet er sich nicht an die unverheiratete und unschuldige ‚Herrin‘ selbst, sondern an ihren wippenden und rosenfarbenen Hut. Spätestens mit dem Wort „verstohlen“  macht  Mörike auf den sexuellen Subtext seiner Bilder und Vorstellungen aufmerksam. Mit welcher Delikatesse er das Lenken der Assoziationen hier betreibt, kann ein Vergleich mit der unverblümteren Darstellung der  Verführung eines Knaben durch die Königstochter „Schön – Rohtraut“ von 1838 zeigen, das in der Gedichtausgabe auf  „Der Gärtner“ folgt.

Dieses Gedicht ist ein schönes Beispiel für Mörikes Begabung für das Erlesene und zugleich Leichte, das Augenzwinkernde und doch Anrührende. Er wählt für die vier Strophen daktylische Zweiheber, die aber nur ein Reimpaar aufweisen. Man stelle sich das Gedicht einmal in der Form eines zweistrophigen Lieds vor, die  acht Zeilen  vierhebig,  paarweise gereimt: verschwunden wäre  die leichte Eleganz, die Luftigkeit,  der  Assoziationsreichtum.

Schumann (5) vertonte das Gedicht op.107.3 zu Beginn seiner Düsseldorfer Zeit, um 1850.Von Anfang an wird die Aufmerksamkeit auf den Rhythmus in der Klavierbegleitung gelenkt: in dem 2/4 Takt herrschen Triolen vor, es kommt aber nie zu einer druchgängigen Bewegung:  die Triolen stehen manchmal am Taktanfang, manchmal am Ende, häufig werden sie punktiert, immer häufiger fehlt der erste Ton: so kommt es zu einem merkwürdigen Stocken und Zaudern: die Vorstellung eines Schimmels, der kunstvolle Dressurreitfiguren vorführt, stellt sich ein: er tritt eher auf der Stelle als eine Allee entlang zu traben. Ebenso zögerlich und unmotorisch verhält sich die Singstimme: Schumann betont ‚Leib‘-  in I,1 und ‚die‘ in I,2 und ‚hin‘ – in II,2. Auch melodisch entsteht kein Zusammenhang, zwar werden kleine melodische Wendungen wiederholt (I,4 wiederholt I,3; IV,1,2 wiederholt III,3,4), der Sextsprung nach oben spielt eine Rolle (Rösslein, blinket,  Feder) und prägt sich ein,  aber eine sangliche und in sich bedeutungsvolle Melodie entsteht nicht. Besonders schwer zu deuten ist die auffällige Pause vor und nach der Apostrophe an das rosenfarbene Hütlein. Erst bei den beiden Schlussversen, die Schumann wiederholt und zu einem Jubel steigert, wobei ‚alle‘ zum Höhepunkt des ganzen Lieds gemacht wird, kommt es zu einem durchgehenden Fluss ohne Triolen.  Diese werden mitten im lautstarken Jubelausbruch  links im pp wieder aufgenommen und  verklingen in einem längeren Nachspiel, als entfernte sich Ross und Reiterin aus dem Blickfeld des Gärtners. Darf sich die heimliche Liebe erst offenbaren, wenn die Angebetete sie nicht mehr wahrnehmen kann?

Es ist schwer zu sagen, ob sich Schumann mehr  für den Anspielungsreichtum in dieser Rollenlyrik interessierte oder mehr für die rhythmischen  und dynamischen Musikalisierungen des  Vorüberreitens.  Das Volkslied- und   vordergründig  Minnesanghafte an  Mörikes Gedicht hat ihn offenkundig weniger  gereizt.

Wolfs Vertonung (6) bleibt  auf den ersten Blick stark  im Bann des Schumannschen Lieds. Es steht zwar im 6/8 Takt, behandelt aber die Dreiergruppen wie Schumann seine Triolen: das erste Achtel ist  punktiert, so  entsteht auch hier eine ungefähre  Reiterfigur. Ebenfalls wie bei Schumann werden die beiden Schlussverse  wiederholt und  das Pferdchen entfernt sich gleichfalls  in einem 6-taktigen  pp – Nachspiel.

Und doch ist der Zugang zu Mörikes Gedicht ein ganz anderer: Wolf hält an der Begleitfigur, die in einem 4-taktigen Vorspiel vorgestellt wird, das ganze Lied über fest. So wird die Konzentration nicht von der Geschichte abgezogen. Außerdem ist die Vertonung zunächst strophisch, d.h. Strophe I und Strophe II sind völlig gleich vertont, und auch Strophe III beginnt gleich, nur um einen Ton höher; ab III,3   jedoch nimmt die Melodie einen anderen und darum überraschenden Verlauf: Wolf lenkt die Aufmerksamkeit auf „eine Feder“ und vor allem auf  „verstohlen“  und zwingt den Hörer auf diese Weise zum Nachsinnen über die Nebenbedeutungen bei dem  folgenden  Angebot des Gärtners,  alle Blüten gegen  eine Feder zu tauschen.

Wolf hat weniger Aufwand getrieben als Schumann,  er hat eine einfache Geschichte erzählt und dabei – wie Mörike – den Volksliedcharakter genutzt, um Mörikes Spiel  mit Naivität und Durchtriebenheit musikalisch weiter zu spielen.