Gebet

 ( 3 Wolf ML 28,  4 Schoeck op.62.33)

Herr! schicke, was du willt,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, dass beides
Aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.

Mörike hat die beiden Strophen zu verschiedenen Zeiten verfasst, den Fünfzeiler 1832, den Vierzeiler um  1846, und er hat sie  in den Ausgaben von 1847 und 1856 als Gebet I und II untereinander gestellt, erst in der letzten von ihm betreuten Ausgabe von 1867 erscheint   das Gedicht in der vorliegenden Form.

Es lässt sich unschwer als Sinneinheit begreifen: das Ich beteuert  zunächst, dass es nicht nur die Freude, sondern auch das Leid als gottgewollte Fügung hinzunehmen bereit ist, bittet dann aber um maßvolle Zuteilung von – und das ist nicht selbstverständlich – beidem, auch von  Freude also.

Wer sich schnell auf die geflügelten Worte der beiden  Schlussverse konzentriert, wird  darüber nachdenken,  ob Mörike mit „holdem Bescheiden“ in V.9 absichtlich die „goldene“ Mitte anklingen lässt, ob er als Lateiner an die aurea mediocritas des Horaz erinnern will und  ob er sich mit  diesem  Gedicht  bewusst zu einer biedermeierlichen, den extremen Gefahren und Verlockungen  abholden Existenz  bekennt.

Das Hinterfragenswerte des  Gedichts ist aber der erste Vers der zweiten Strophe. Vermutlich hat der formbewusste Mörike die Symmetrie des ganzen Gedichts nicht versehentlich  aufgehoben, als er den   reimlosen Vers 5 zwischen  den beiden  Vierzeilern mit ihrer   umarmenden Reimstellung stehen ließ:  wir sollten ihn nicht überlesen.

Wie  immer der einzelne Leser diese unerwartete  Bitte für sich weiter denkt,  für Mörike ist sie in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich: er weiß, wovon er spricht. Er hat bereits erfahren, dass er nicht stark genug ist, ein Übermaß von Leid zu ertragen, wie er es nach dem  Freitod seines Bruders erlebte, dass er aber auch nicht geschaffen ist für den Glückstaumel, für die Grenzen- oder Haltlosigkeit  in der Liebe, die  ihm in  Maria Mayer gefährlich nahe kam.

Man muss sich dessen bewusst bleiben, dass Mörike bereits starke Gefährdungen und Verstörungen erlebt hatte, als er das „Gebet“ verfasste, und dass sein andauerndes Kränkeln wie auch sein Dichten  eine Form der Verarbeitung  von  im Übermaß zugeteilter Pein und Wonne waren.

Hugo Wolf  (3).  Es sei daran erinnert: Hugo Wolf hat 1888 den „göttlichen“ Mörike für sich entdeckt und mit seinen 53 Vertonungen den Lyriker Mörike in breiten Kreisen bekannt gemacht.  Er hat ihn befreit von dem Bild des schwäbischen Kleinmeisters,  indem er  bei der Gedichtauswahl das gesamte, sehr breite Spektrum an Formen und Themen berücksichtigte, und  er hat für alle Tonarten Mörikes geniale musikalische Lösungen gefunden:  für das Humoristische und Satirische, das Fromme und das Freche, für das  Märchenhafte, Volksliedhafte, Romantische, aber auch  das Alltagsnahe, vor allem aber hatte er ein Gespür für das tiefenpsychologisch Verrätselte und das Mystische in Mörikes Werk.
Hugo Wolfs Mörikezyklus ist ein herausragendes Beispiel, wie große Kunst die schöpferische Begabung eines Nachgeborenen wecken  und entfalten kann.

Vor 1888  waren einige Gedichte Mörikes wie „Das verlassene Mägdlein“ mehrfach vertont worden, aber  die großen Liedkomponisten vor Wolf hatten sich außer Goethe, Heine und Eichendorff eher den Rückert, Geibel, Uhland oder Daumer zugewandt: Mörikes  hohen Rang als Lyriker – viele halten ihn für die größte Begabung zwischen Goethe und Rilke  – hat erst Hugo Wolf entdeckt.

Wolfs Vertonung von „Gebet“ ist von großer Schlichtheit. Es soll „fromm und innig“ gesungen werden, es beschwört schon  in dem getragenen Vorspiel eine zwar nicht kirchenmusikalische, aber doch sakrale Feierlichkeit. Bis II, 7 beschränkt sich die Begleitung auf Halbe und Viertel, so dass man den ruhigen Textvortrag und die wenigen rhythmischen Besonderheiten   leicht wahrnehmen kann:  die Dehnung von „beides“ (V.3), die unterschiedliche Hervorhebung  von „wollest“ in V.5 und V.6 und vor allem die  Betonung von „mich“ in V.7, die die Wendung des Gebets ins Subjektive feinfühlig nachzeichnet. Erst für die beiden Schlussverse – der 8. Vers wird als einziger wiederholt – verlässt Wolf den sakralen Raum, die linke Hand beginnt zu pendeln, rechts hebt eine süße melodische Achtelbewegung an, die in eine sehr leise synkopische Dreiklangabwärtsbewegung mündet und in vier Takten mit Dur Akkorden endet. Das „zart und ausdrucksvoll“ zu singende Lied zeichnet die Wendung des Gedichts vom überpersönlichen Gebet zu einer persönlichen und   ungemein innerlichen Vorstellung von  Glück und  Seligkeit einfühlsam nach.

Othmar Schoeck (4). Schoeck ist nach Wolf  der zweite große Mörike – Komponist. Er hat von 1947 an  40 Gedichte Mörikes vertont und diese 1949 als Zyklus unter dem Titel „Holdes Bescheiden“ veröffentlicht.

Nur ein einziges Gedicht ist darin, das auch Wolf vertont hat, eben das „Gebet“. Es leitet eine Gruppe von sieben Liedern unter der Überschrift „Glaube“ ein, davor stehen unter dem Stichwort „Betrachtung“  14 Vertonungen von Gedichten,  die man als Gedankenlyrik bezeichnen könnte. Schoeck hat also noch zwei thematische Komplexe des lyrischen Werks Mörikes herausgehoben, die bei Wolf nicht im Zentrum stehen.

Schoecks Vertonung von „Gebet“ öffnet einen unerwarteten Raum: Die Anrede zu Beginn ist ein Ruf, fast ein Schrei, die Lautstärke verrät die Dringlichkeit der Rede, als müsste der Sprecher sich selbst zu einer demütigen Haltung überreden angesichts des vielen Leids. Auch das Ausgreifende der Melodieführung, die großen Intervalle verstärken die Unruhe, schnell wechselt die Dynamik zwischen forte und piano, lange ist nichts zu spüren von der meditativen  Ruhe eines Gebets. Das Wort Freuden im  von Mörike herausgestellten 5. Vers wird unauffällig im dolce gesungen, es hat  nur  in einer Steigerung der Lautstärke und des Tempos auf das ‚expressiv‘ zu singende Wort „Leiden“ hinzuführen.  Erst für die Schlussverse findet Schoeck eine ähnliche Ruhe, ein ähnliches Einverständnis oder sogar Glücksgefühl wie Wolf. Bis dahin spiegelt das Lied sehr deutlich  die Befindlichkeit eines  Menschen, dem es nicht leicht fällt, sich seinen  Glauben zu bewahren angesichts der schlimmen persönlichen und gesellschaftlichen Leiderfahrungen in den Jahren des Weltkriegs.